Fiese Tricks

Alle acht Minuten wird in der Schweiz ein Einbruch verübt. Meist sind professionelle Banden aus dem Ausland am Werk, oft steigen sie tagsüber in Wohnungen ein. Und manche Diebe lassen sich gleich vom Opfer selbst die Tür öffnen. Ferienzeit ist Hochsaison für Einbrecher. Von Christine Brand

Die Mitteilung der Stadtpolizei Zürich ist als Warnung zu verstehen: Seit einigen Wochen seien in der Region Handwerker unterwegs, die gar keine Handwerker seien, meldete die Polizei letzten Mittwoch. Zwölfmal schlugen die Trickdiebe bisher zu. «Ein Unbekannter klingelte bei meist älteren Wohnungsmietern an der Tür und stellte sich als Handwerker vor, der im Namen der Verwaltung die Heizung kontrollieren müsse», schildert Marco Bisa von der Medienstelle der Stadtpolizei Zürich das Vorgehen der dreisten Gauner. Ist der Fremde erst einmal in der Wohnung, lenkt er das Opfer ab, oder er erteilt ihm einen Auftrag. Ist der unangemeldete Besucher wieder weg, merkt der Mieter, dass mit ihm auch etwas anderes verschwunden ist: «Bis jetzt erbeuteten die Unbekannten mit dieser Masche Schmuck und Bargeld im Wert von rund 40 000 Franken», sagt Bisa.

Der Handwerker-Trick ist nur einer von vielen. Im Wallis sind derzeit Gauner unterwegs, die Pro-Juventute-Marken verkaufen. Nur läuft im Moment gar keine Marken-Verkaufsaktion. Sobald der Spendefreudige in seiner Wohnung nach dem Portemonnaie sucht, greifen die Diebe blitzschnell zu und lassen Wertgegenstände mitgehen. Im Kanton Zürich ist auch der Wassertrick bekannt: Eine unbekannte Frau klingelt an der Tür, sagt, sie wolle zur Nachbarin, doch diese sei leider nicht da, und fragt nach einem Zettel, um eine Nachricht zu hinterlassen. Dann bittet sie auch noch um ein Glas Wasser, weil sie sich unwohl fühle. Kaum ist sie wieder gegangen, stellen die Betroffenen fest, dass Schmuck oder Bargeld oder beides fehlt.

Doppelt so viele Einbrüche

«Wir beobachten eine Tendenz, dass Täter nicht mehr nur Fenster oder Türen aufbrechen, um einen Einbruch zu begehen, sondern dass sie sich zunehmend mit anderen Tricks Zugang zum Haus verschaffen», sagt Alice Born von der Kantonspolizei Bern. Als Grund vermutet sie, dass immer mehr Liegenschaften mit baulichen Mitteln oder Alarmanlagen vor Einbrechern geschützt werden. Insgesamt wurden im letzten Jahr in der Schweiz 65 172 Einbrüche und sogenannte Einschleichdiebstähle begangen. Das macht im Durchschnitt fast 180 Fälle pro Tag oder alle acht Minuten einen Einbruch. Tendenz steigend: Im Kanton Zürich sind laut Esther Surber von der Kantonspolizei in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres 30 Prozent mehr Einbrüche verübt worden als im gleichen Zeitraum 2011. In Basel hat sich die Zahl der Einbrüche laut der Staatsanwaltschaft im ersten Halbjahr 2012 fast verdoppelt. Nur rund jedes achte Delikt kann aufgeklärt werden, gegen 60 Prozent der Beschuldigten sind Ausländer.

Wer bei diesen Zahlen in erster Linie an aufgebrochene Türen und aufgebohrte Fenster von Einfamilienhäusern denkt oder an dunkel gekleidete Einbrecher in der Nacht, liegt damit nur bedingt richtig. Jeder dritte Einbruch findet tagsüber statt und eingebrochen wird vorwiegend in Mehrfamilienhäuser. So stiegen letztes Jahr im Kanton Zürich in 1313 Einfamilienhäuser Einbrecher ein und in 3762 Wohnungen von Mehrfamilienhäusern. An dritter Stelle folgten Verkaufs- und Geschäftsräume.

Am häufigsten schleichen sich Einbrecher von der Rückseite her an eine Liegenschaft heran, hebeln die Tür zum Garten oder ein Fenster mit einem Stemmeisen auf und steigen in die Wohnung ein. Sie arbeiten blitzschnell. «Der Einbruch dauert meist nur wenige Minuten», sagt Peter Gill vom Mediendienst der Basler Staatsanwaltschaft. Gezielt werden die Zimmer durchsucht, zuerst Büro, Wohn- und Schlafzimmer. Laut Gill haben es die Einbrecher in den meisten Fällen auf Schmuck, Geld und elektronische Geräte abgesehen. Parterre-Wohnungen sind am häufigsten betroffen, aber auch Wohnungen auf höheren Stockwerken, vielfach die höchstliegenden, da dort im Treppenhaus am wenigsten Publikumsverkehr herrscht. Oder die Einbrecher steigen über Balkone ein, laut Gill sind auch Baugerüste bei den Tätern beliebt. «Sie arbeiten sehr professionell», sagt er. «Viele Täter beobachten die Wohnungen und Liegenschaften, und wenn sie unbewohnt scheinen, schlagen sie zu.»

Marco Bisa von der Stadtpolizei Zürich ergänzt, dass sich Einbrecher ihr Objekt manchmal auch ganz spontan aussuchten: Sie prüften, ob sie bei einer Liegenschaft eindringen könnten, ohne dabei beobachtet zu werden, und klärten ab, ob es einen Fluchtweg gebe. «Wo es günstig ist, passiert es.» Manchmal wird es den Einbrechern auch einfach gemacht: Die Kantonspolizei Aargau teilt mit, dass sie fast jede Nacht Fälle verzeichnet, bei denen Täter in unverschlossene Häuser schleichen. «Dabei lassen sie sich von den schlafenden Bewohnern nicht beirren und werden sie ertappt, ergreifen sie sofort die Flucht.» Der Polizei lägen Erkenntnisse vor, dass etliche dieser Taten auf das Konto nordafrikanischer Asylbewerber gingen.

Ausländische Diebesbanden

Die Einbruchszahlen in Wohnungen bewegen sich auch im Kanton Aargau seit Wochen auf hohem Niveau. Generell gilt die Ferienzeit als Hochsaison für Einbrecher: In den Monaten Juli und August ereignen sich fast ebenso viele Fälle wie in den Wintermonaten, in denen die Täter die frühe Dämmerung ausnutzen. Laut der Polizei geht eine Vielzahl der Einbrüche auf das Konto von ausländischen Diebesbanden. «Vor allem aus Osteuropa reisen Kriminaltouristen in die Schweiz», sagt Peter Gill von der Staatsanwaltschaft Basel. Wellenartig würden gut organisierte Banden in Basel aufkreuzen, vielfach handle es sich um jugendliche Einbrecher aus Roma-Camps in Frankreich und Italien. «Sie werden von Erwachsenen nach Basel gefahren, brechen ein und übergeben das Diebesgut wiederum den Erwachsenen», erzählt Gill. In der Regel würden die Täter die Schweiz sobald als möglich wieder verlassen um andernorts wieder einzureisen. «Bei den Festgenommenen stellen wir fest, dass sie oft in anderen Kantonen schon Einbrüche verübt haben.»

Laut Alice Born von der Kantonspolizei Bern steigen die Täter in Billighotels ab, oder sie finden bei Landsleuten Unterschlupf. «Die Gruppen werden professioneller», sagt sie. Sie hielten sich jeweils nur für kurze Zeit in einem Gebiet auf und gingen in verschiedenen Zusammensetzungen vor. «Oft entwenden die Täter ein Fahrzeug, begehen die Straftat, lassen das Fahrzeug zurück und entwenden dann ein weiteres, um an einem anderen Ort zuzuschlagen.» Esther Surber von der Kantonspolizei Zürich weiss auch von Autoschieberbanden aus dem Osten, die Fahrzeuge der gehobenen Preisklasse bei Einbrüchen stehlen: «Die Täter reisen mit dem Flugzeug an, logieren wenige Tage in billigen Hotels, verüben ihre Taten und kehren mit den Wagen in ihre Heimat zurück, um kurze Zeit später wieder in die Schweiz einzureisen.»

Gartenhäusereinbruch-Serie

Auch bei Einbrüchen gilt: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Peter Gill erzählt von einem Einbruch in einer Firma, in der die Täter gleich mehrere Wände durchbrachen, um an den Tresor zu gelangen. Oder von Einbrechern, die auf einer Baustelle die bereits auf einem Dach montierten Kupferabdeckungen entfernten und mitgehen liessen. «Und zurzeit führen wir ein Verfahren gegen einen Serien-Einbrecher, der in Gartenhäuser einstieg», sagt Gill. Manche Täter öffnen ganz einfach mit einer Universal-Fernbedienung das Garagentor und dringen so in ein Haus ein. Technisch versierte Diebe verstehen es, mit einem Handy elektronisch gesteuerte Tresore zu öffnen. Andere reihen sich in Warteschlangen am Flughafen ein und merken sich die Adresse auf dem Kofferanhänger. Sie können sicher sein, dort eine leere Wohnung anzutreffen. Wird der Einbruch nach den Ferien entdeckt, sind die Täter längst über alle Berge.

C. Brand, cbb

Schutz vor Einbruch

Die wichtigsten Tipps der Polizei, wie man sich während der Ferienabwesenheit schützen kann: Bitten Sie Nachbarn, einmal täglich Ihre Wohnung zu kontrollieren, und lassen Sie Ihren Briefkasten von Bekannten leeren. Sagen Sie Ihrem Nachbarn, er solle hin und wieder sein Auto bei Ihnen auf dem Vorplatz abstellen. Das signalisiert Anwesenheit. Leiten Sie Ihr Telefon aufs Handy um, und montieren Sie eine Zeitschaltuhr, um Lampen temporär einzuschalten. Auch Aussenlicht, das durch Bewegungsmelder angeht, dient als Abschreckung. Bringen Sie durch zusätzliche Schlösser an Türen und Fenstern einen sichtbaren Einbruchschutz an. Schliessen Sie Fensterläden und Storen nicht, weil dies auf Abwesenheit schliessen lässt. Aber achten Sie darauf, das alle Türen und Fenster ganz verschlossen sind.

Legende Zusatz:
«Kriminaltouristen reisen vor allem aus Osteuropa an . Oft sind es Jugendlicheaus Roma-Camps.»

NZZ am Sonntag 29.07.2012, Nr. 31, S. 23 / Hintergrund

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