Klein-Moskau in Zug

Zuzüger aus Russland, den USA und der EU spalten den reichsten Kanton der Schweiz

Im Kanton Zug leben mehr und mehr reiche Russen, Deutscheund Amerikaner. Politiker sagen, die faktisch zweigeteilte Gesellschaft führe zur Entfremdung der Zuger.

Lukas Häuptli

Plötzlich standen russische Bodyguards im Treppenhaus. Dabei: Das Zuger Herti-Quartier ist das Arbeiter- und Ausländer-Quartier der Stadt. Hier reiht sich Block an Block. Die Wohnungen stammen aus den fünfziger Jahren, das Fussballstadion aus den sechziger, das Einkaufszentrum aus den achtziger Jahren. An nebligen Tagen kann sich da vielleicht Trostlosigkeit breitmachen. Aber Unruhe? Nein. Warum also plötzlich Bodyguards im Treppenhaus? Monate später erfuhren die Bewohner des Blocks, dass eine russische Rohstofffirma eine der Wohnungen gemietet hatte.

Zug ist der reichste Kanton der Schweiz: Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 75 000 Franken. Und Zug hat eine der grössten Zuwanderungsraten der Schweiz: Die ausländische Bevölkerung ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 40 Prozent auf mittlerweile fast 30 000 Einwohner gewachsen. Die meisten von ihnen stammen aus Deutschland, immer mehr kommen aber auch aus Grossbritannien, den Niederlanden, den USA, Südafrika und Russland (vgl. Grafik).

Andreas Bossard sitzt in seinem Büro, der Blick aus dem Fenster geht in die Zuger Altstadt mit ihren postkartengerecht restaurierten Häusern. Der 61-Jährige ist ein Zuger durch und durch. Seit mehr als dreissig Jahren politisiert er hier, seit zehn Jahren sitzt er für die CSP im Zuger Stadtrat. Fast alles an ihm wirkt gemässigt: sein Aussehen, seine Art, sein Sprechen. Deshalb überrascht es, wenn Bossard plötzlich sagt: «Faktisch haben wir eine zweigeteilte Gesellschaft – auf der einen Seite die Zuger, die schon lange hier leben, auf der anderen Seite die zugezogenen Expats. Es gibt eine regelrechte Entfremdung.»

«Jetzt ist genug»

Der Chef des Sozialdepartements stört sich daran, dass Zuzüger einfach keine Krankenversicherung abschliessen, obwohl das Gesetz das vorschreibt. Die Stadt musste letztes Jahr 20 Personen zwangsversichern, dieses Jahr sind es bereits 35. Und er stört sich an den «überrissenen Mieten» im Kanton. Viele Zuger, die lange in der Stadt gelebt hätten, müssten heute aus diesem Grund ins benachbarte Freiamt oder Knonauer Amt wegziehen. Bossard sagt: «Ich kenne viele Junge, die sagen: Jetzt ist genug.»

Als brauchte es ein Wirklichkeit gewordenes Sinnbild für das zweigeteilte Zug: Ein paar Meter neben Bossards Sozialdepartement liegt das Zuger Büro des internationalen Immobilienmaklers Engel & Völkers. Es preist in seinem Katalog das «sehr attraktive steuerliche Umfeld» des Kantons, und im Schaufenster bietet es ausgewählte Objekte an: eine Mietwohnung am Zugerberg für 12 500 Franken pro Monat. Eine Mietwohnung am Zugerberg für 10 800 Franken pro Monat. Und ein Einfamilienhaus im Zuger Dorf Walchwil für 3,1 Millionen Franken.

Bis in die 1920er Jahre war Zug vor allem eines: ein armer Agrarkanton mit einem schönen See und einem schönen Blick in die Berge. «Dann revidierte der Kanton sein Steuerrecht und wurde zur Oase für Holdinggesellschaften», erzählt Stefan Gisler, Kantonsrat der Grün-Alternativen. Weitere Steuersenkungen folgten, mittlerweile zahlen die Holdings in Zug 0 Prozent Gewinnsteuer und 0,02 Promille Kapitalsteuer. «Wir sind der Steuer-Aldi Europas geworden», sagt Gisler.

Aus diesem Grund haben die russischen Rohstoffunternehmen Rusal, Nord Stream und South Stream heute einen Sitz im Kanton Zug, aber auch Rosukrenergo, Glencore und Xstrata (ebenfalls Rohstoffe) oder Amgen und Astra Zeneca (Chemie). Wegen der tiefen Steuern zogen auch zahlreiche Firmenchefs und Firmeneigentümer hierher: etwa der Russe Viktor Vekselberg (vgl. nebenstehenden Artikel), der Deutsche Otto Beisheim, der Österreicher Frank Stronach oder der Grieche Aristotelis Mistakidis. Milliardäre sind sie alle.

Zahlreiche Zugezogene wohnen oben am Hang des Zugerbergs. Hier steht Luxusappartement neben Luxusappartement. Die Aussicht auf See und Berge ist atemberaubend. Manchmal stehen auf den Klingelschildern ausschliesslich russische Namen, manchmal ausschliesslich englische, manchmal weist ein Schild auf Deutsch auf die Alarmanlage im Villeninnern hin: «Hier schützt CDS 900». Zuoberst auf dem Zugerberg aber thront das internationale Internat «Montana». Hier gehen die Söhne und Töchter vieler Expats zur Schule. Im Zuger Dorf Walchwil etwa besucht mittlerweile jedes vierte Kind eine Privatschule.

«Zug kann sie gut brauchen»

Gianni Bomio, Generalsekretär der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion, versteht die Aufregung um die Expats nicht. «Zug als internationaler Wirtschaftsstandort kann die neuen Migranten sehr gut brauchen», sagt er. Und: «Der Kanton bietet verschiedene Integrationsangebote für Expats an. Auch darum funktioniert ihre Integration sehr gut.»

Trotzdem: Die Frage, wie mit den Expats umzugehen sei, spaltet Zug immer wieder. Das zeigte sich exemplarisch im letzten Sommer, als der Kantonsrat das neue Integrationsgesetz beriet. Ursprünglich war sich die Mehrheit der Parteien einig, dass das Gesetz ein sogenanntes Erstgespräch für alle Zuzüger vorschreiben soll. Damit hätten diese persönlich zu einem Treffen mit Behördenvertretern erscheinen müssen, bei dem sie über ihre Rechte und Pflichte aufgeklärt worden wären. Ein paar Tage vor der Abstimmung verschickte die Zuger Wirtschaftskammer aber einen geharnischten Brief an alle Kantonsräte und verlangte die Streichung des Erstgesprächs-Passus. Die Mehrheit der FDP und CVP änderte darauf ihre Meinung, das Erstgespräch wurde wieder aus dem Gesetz gestrichen.

Dossier: NZZ

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